Eine durchgängige und vernetzte Stadt für Wildtiere

20.12.2022, Lara Scherer
In der Stadt sind viele Wildtiere unterwegs. Allerdings bleibt ihnen auf ihren Streifzügen oft durch Treppen, Zäune und Mauern der Zugang zu Gärten oder Grünanlagen verwehrt. Mit Durchgängen und Steighilfen beseitigt man nicht nur solche Barrieren, sondern vernetzt gleichzeitig den städtischen Lebensraum.

In der Stadt schätzen wir Menschen den Vorteil der kurzen Wege. Vieles ist schnell und leicht erreichbar. Für Wildtiere sieht die Situation meist etwas anders aus. Zwar gibt es in Städten viele kleinere und grössere Grünflächen, die ihnen als wertvoller Lebensraum dienen. Allerdings sind diese für Wildtiere oft nur schwer oder gar nicht zugänglich, weil ihnen Mauern, Zäune und Treppen den Weg versperren.

Viele Wildtiere haben ein gutes räumliches Gedächtnis und kennen den Weg zu geeigneten Durchgängen. Fehlen diese, müssen sie Umwege und damit längere Strecken als nötig auf sich nehmen. Dadurch steigt das Risiko, dass sie in der Stadt lauernden Gefahren wie etwa der Strassenverkehr zum Opfer fallen. Zudem bleibt ihnen dann weniger Zeit, Partner oder Futter zu suchen.  

In der Stadt sind häufig Mauern anzutreffen, die für Wildtiere unüberwindbar sind.
Grosse Hürden für kleine Fussgänger

Igel sind in der Vergangenheit aufgrund der intensiven Landwirtschaft immer mehr ins Siedlungsgebiet ausgewichen. Doch auch hier ist der sympathische Stachelträger in Bedrängnis geraten. Eine Studie von uns hat gezeigt, dass in Zürich die Population in den letzten 25 Jahren um 40 Prozent abgenommen hat (siehe Blogbeitrag "Rückgang der Igel in Zürich"). Die Gründe für seinen Rückgang sind vielfältig: Das schwindende Angebot an Nahrung wie Insekten und Lebensraum, der wachsende Strassenverkehr und möglicherweise Dachse als Fressfeinde, die vermehrt in den Städten vorkommen. Fehlen zudem Grünflächen, die gut zugänglich und miteinander verbunden sind, können sich diese Probleme noch verstärken. Die beiden letztjährigen StadtWildTiere-Projekte "Freie Bahn für Igel & Co." in Luzern und "Freie Bahn für Igel, Eichhörnchen und Co." in St. Gallen haben eindrücklich gezeigt, dass es in diesen Städten für die Wildtiere zahlreiche Barrieren gibt und viele Durchgänge fehlen.

Muss ein Igel weite Strecken an Mauern entlang gehen um einen Durchgang oder ein geeignetes Versteck zu finden, so wird er zur leichten Beute für verschiedenste Raubtiere.
Im Klostergarten mit gutem Beispiel voran

Dass selbst eine dicke Klostermauer keine unüberwindbare Barriere sein muss, hat man im Kloster Wesemlin in Luzern bewiesen. Hier wurden im September 2021 fünf Igelpfleglinge der Igelstation Ebikon im Klostergarten ausgewildert. Damit die Igel im Garten ein- und ausspazieren können, hat man drei Löcher in die dicke Klostermauer gebohrt.

Das Ergebnis der Bohrung kann sich sehen lassen. Drei neue Durchgänge ermöglichen den Igeln den Zugang zum Garten des Klosters Wesemlin.

Wir hoffen, dass es den Igeln im Kapuzinergarten gefällt und die Weibchen in den kommenden Jahren ihren Nachwuchs dort aufziehen. Die neu geschaffenen Durchgänge vernetzen den Garten mit dem angrenzenden Wesemlinquartier, wo die Igel auf Partner- und Nahrungssuche gehen können.

Dieser Igel scheint den Durchgang in der Mauer des Kapuzinergartens gerne zu nutzen. Vielleicht sucht er im Garten eine Partnerin.
Wer die Abkürzung ebenfalls nutzt

Nicht nur für Igel, sondern auch für Beutegreifer wie Marder und Füchse gibt es zahlreiche Barrieren in der Stadt. Obwohl Marder gute Kletterer sind, nutzen sie dennoch gerne solche Durchschlüpfe, wie sie nun in der Mauer des Klostergartens vorhanden sind. Sie sparen sich damit Zeit und gefährliche Kletterpartien. Ebenso zwängen sich Füchse ohne Problem durch enge Röhren, sie sind sich das von ihren Bauen gewohnt.

Für den Marder als guter Kletterer wäre die Mauer des Klostergartens wohl auch ohne Durchgang kein allzu grosses Hindernis. Der Durchschlupf bietet ihm dennoch eine willkommene Abkürzung.
Dieser Fuchs zwängt sich lieber durch den engen Durchgang, als einen Umweg zu gehen.

Wer sich sonst noch wohl fühlt im Klostergarten seht ihr in der nachfolgenden Bilderreihe:

Vögel nutzen den Durchgang wahrscheinlich eher weniger.
Auch ein Iltis kann ohne Probleme den Durchgang nutzen.
Dieser Dachs muss einen anderen Zugang zum Klostergarten gefunden haben.
Hilfen für Kulturfolgerin Erdkröte

Amphibien sind im Siedlungsgebiet ebenso wie alle anderen Tiere auf gut vernetzte und vielfältig strukturierte Grünflächen angewiesen. Sie legen jeweils weite Strecken zwischen Winterquartier und Laichgebiet zurück. Nicht selten führt dieser Weg über eine Strasse. Erdkröten zählen nach den Igeln zu den häufigsten Verkehrsopfern. Hier helfen spezielle Amphibienzäune, die Kröten und Frösche sicher über die Strassen leiten. Randsteine stellen vor allem für Jungtiere ein grosses Hindernis dar. Sie brauchen daher Hilfen in Form von Steinen oder Platten, damit sie diese Barriere überwinden können.

Kulturfolger wie die Erdkröte leben im städtischen Gebiet in Parks und Gärten. Die vielen Hindernisse behindern sie auf ihren Laichwanderungen.
Im Garten Hindernisse entfernen und Durchgänge schaffen

Damit der eigene Garten für die Wildtiere zugänglich wird, braucht es nicht viel. Jeder Durchgang hilft, dass sich die Wildtiere effizienter im Stadtdschungel bewegen können! Igel brauchen Durchgänge mit einem Durchmesser von ca. 10 x 10 cm. Treppen ab 25 cm Höhe können mittels Trittsteinen oder einer Rampe igelfreundlicher gestaltet werden. Solche Hilfen nutzen auch viele andere Arten, wie wir gesehen haben. Am besten können die Durchgänge ihre Funktion als Vernetzungselement erfüllen, wenn sie wildtierfreundliche Grünflächen verbinden. Gestalten Sie ihren Garten deshalb möglichst naturnah und strukturreich und lassen Sie eine wilde Ecke zu. Mehr Tipps zur tierfreundlichen Gartengestaltung findet ihr hier .

Durchgänge aller Art können Sie auch weiterhin auf stadtwildtiere.ch in Luzern und St. Gallen melden. Plaketten zur Beschriftung sind hier erhältlich.

Diese Durchgänge sollen als Inspiration für die Umsetzung im eigenen Garten dienen.

Ein grosses Dankeschön geht an alle Freiwilligen, die sich in den «Freie Bahn» Projekten beteiligt haben und Durchgänge für Wildtiere geschaffen haben. Ein besonderer Dank geht an das Kloster Wesemlin.

Quellen: 

  • Taucher, A.L., Gloor, S., Dietrich, A., Geiger, M., Hegglin, D., Bontadina, F. 2020. Decline in Distribution and Abundance: Urban Hedgehogs under Pressure. Animals, 10, 1606.
  • "Freie Bahn" Projekten in Luzern und St. Gallen 
  • Gloor, S., Botadina, F., Hegglin D. 2006: Stadtfüchse: Ein Wildtier erobert den Siedlungsraum. Haupt Verlag, 189 Seiten.
  • Mehr Informationen zu Amphibien finden Sie hier

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